Scicli besuchen: Lohnt sich die dritte Barockstadt?

Wenn Leute mich fragen, was sie im Südosten Siziliens sehen sollen, fällt fast immer derselbe Dreiklang: Ragusa, Modica, Noto. Scicli taucht in den wenigsten Reiseplänen auf, obwohl es genauso zum UNESCO-Welterbe Val di Noto gehört wie seine berühmteren Nachbarn. Dabei liegt es nicht mal abseits – Scicli ist von Ragusa aus in zwanzig Minuten mit dem Auto zu erreichen, von Modica noch schneller. Es wird einfach übersprungen, weil in drei Städten an einem Tag irgendwann die Kirchenmüdigkeit einsetzt. Genau deshalb lohnt es sich, Scicli bewusst einzuplanen statt es dranzuhängen.
Warum Scicli anders wirkt als Ragusa oder Modica
Ragusa Ibla und Modica sind spektakulär, keine Frage – aber beide sind inzwischen auch touristisch durchorganisiert, mit Reisegruppen, Parkplatzsuche und Souvenirläden in den besten Ecken. Scicli hat das noch nicht. Die Stadt liegt in einer von Hügeln eingefassten Schlucht, 25 km von Ragusa entfernt , und genau diese Lage – eingeklemmt zwischen drei Tälern statt auf einem Hügelkamm thronend – gibt ihr eine andere Atmosphäre. Kein einzelner Aussichtspunkt, von dem aus man die ganze Stadt fotografiert, sondern ein Ort, in dem man erst gehen muss, um zu verstehen, wie er zusammenhängt.
Scicli unterscheidet sich nicht nur aufgrund seiner übersichtlichen Größe von den anderen Städten des Val di Noto, sondern auch wegen seiner Lage genau zwischen drei tief ins Land eingeschnittenen Tälern – Modica, Santa Maria La Nova und San Bartolomeo. Diese drei Schluchten sind der Grund, warum Scicli sich beim Ankommen fast wie ein Amphitheater anfühlt: Häuser klettern die Hänge hoch, Treppen ersetzen Straßen, und der eigentliche Stadtkern liegt in der Senke dazwischen.
Was du dir wirklich ansehen solltest
Die Via Francesco Mormino Penna ist die Hauptachse und gleichzeitig das beste Argument gegen die Theorie, Scicli sei ein Abstecher zweiter Klasse. Hier reiht sich rund um die Piazza Italia und entlang der Via Mormino Penna ein barocker Palazzo an den anderen . Das bekannteste Fotomotiv ist der Palazzo Beneventano mit seinen Wasserspeiern und schmiedeeisernen Balkonen – ich habe noch niemanden getroffen, der davor nicht kurz stehen bleibt. Von innen sieht man ihn allerdings nicht, der Palast ist Privatbesitz und nicht zugänglich.
Wer die Beine noch nicht schonen will, geht den Aufstieg zur Chiesa di San Matteo an. Die Kirche liegt auf einem Bergrücken oberhalb der Stadt, wo auch das historische Kastell und das alte Stadtzentrum lagen, und steht wohl am Ort des frühesten Gotteshauses von Scicli . Der Blick von dort oben über die Talebene bis zum Meer ist der Moment, in dem man begreift, warum die Stadt genau hier gebaut wurde.
Unten in der Schlucht, am Ende einer der drei Talstraßen, liegt die Chiesa di Santa Maria La Nova – das größte Gotteshaus der Stadt , mit einer neoklassizistischen Fassade, die sich wie eine Kulisse in die Talwand schiebt. Die Kirche ist praktisch, aber nicht durchgehend geöffnet: morgens ist sie geschlossen, außer bei religiösen Zeremonien, nachmittags öffnet sie von 17 bis 19 Uhr . Wer also mittags durch Scicli spaziert und die Tür verschlossen findet, kommt einfach am späten Nachmittag zurück – oder verbindet den Besuch gleich mit einem Aperitivo davor.
Der Montalbano-Faktor, ohne dass man Fan sein muss
Scicli ist durch die Fernsehserie “Il Commissario Montalbano” bekannter geworden, als es das ohne sie je gewesen wäre. Das Rathaus an der Piazza Municipio diente über mehrere Staffeln als Polizeistation von Vigàta – das Rathaus der Stadt, in der Via Mormino Penna, zu Beginn des 20. Jahrhunderts erbaut, ein prächtiges Gebäude, das sich perfekt für die Unterbringung der Polizeistation eignete , wie es in einer Beschreibung der Drehorte heißt. Wichtig zu wissen: Das Rathaus steht architektonisch im Neorenaissance-Stil, nicht im sizilianischen Barock der übrigen Stadt – ein kleiner Stilbruch, der aber genau deshalb ins Auge fällt. Man muss keine einzige Folge gesehen haben, um das Gebäude interessant zu finden, aber wer Fan ist, erkennt sofort die Kulisse wieder.
Anreise: Auto ist ehrlich die einzig praktische Option
Ich mache hier keine Show daraus, öffentliche Verkehrsmittel schönzureden, wo sie es nicht sind. Scicli hat zwar einen eigenen Bahnhof an der Strecke Richtung Ragusa und Modica, aber die Zugfrequenz im Val di Noto ist dünn und für einen spontanen Tagesausflug unzuverlässig. Busse der lokalen Gesellschaften verbinden die Städte zwar, aber die Fahrpläne sind unregelmäßig und wechseln je nach Wochentag. Wer flexibel zwischen Ragusa, Modica und Scicli hin- und herspringen will, kommt mit dem Mietwagen deutlich besser durch den Tag – dazu findest du alles Wichtige in unserem Mietwagen-Guide für Sizilien. Parken ist in Scicli selbst unkompliziert: Es gibt Parkplätze am Rand der Altstadt, von denen man in wenigen Minuten zu Fuß in die Via Mormino Penna kommt.
Wie du Scicli am besten einbaust
Der Fehler, den die meisten machen, ist der gleiche, den ich schon in unserem Artikel zu Ragusa und Modica beschrieben habe: Man versucht, drei Barockstädte an einem einzigen Tag durchzuhetzen und kommt überall nur eine Stunde an. Scicli ist klein genug, dass zwei bis drei Stunden reichen, um es wirklich zu sehen – aber genau deshalb wird es meistens komplett gestrichen, wenn der Tag schon knapp ist.
Mein Vorschlag: Modica am Vormittag, Mittagessen dort, danach die kurze Fahrt nach Scicli für den späten Nachmittag, wenn das Licht in der Via Mormino Penna am schönsten steht und die Kirchen wieder öffnen. Ragusa Ibla verdient dann einen eigenen Tag, nicht die Restzeit am Abend. Wer noch Zeit übrig hat, fährt von Scicli aus die zehn Minuten runter zur Küste nach Donnalucata oder Sampieri – Orte, die touristisch noch entspannter sind als die Altstadt selbst.
Wenn du deine gesamte Route durch den Südosten planst, lohnt sich auch ein Blick in unseren Guide zu den öffentlichen Verkehrsmitteln auf Sizilien, um realistisch einzuschätzen, wo ein Mietwagen wirklich nötig ist und wo nicht. Für Scicli lautet die ehrliche Antwort: fast immer.
Scicli wird nie die Postkartenberühmtheit von Noto erreichen, und das ist wahrscheinlich auch gut so. Es bleibt der Ort im Val di Noto, an dem man tatsächlich noch durch leere Gassen läuft, ohne ständig ein Selfie-Stativ zu umgehen. Genau das macht es zu einem der wenigen echten Geheimtipps in einer Region, in der das Wort viel zu oft benutzt wird.