Ragusa und Modica: Barock und Schokolade – der Val-di-Noto-Tag, den viele falsch planen

Wenn Freunde aus Deutschland mir schreiben, dass sie “kurz nach Modica für die Schokolade” fahren, frage ich immer zurück: Und Ragusa Ibla lasst ihr aus? Die Antwort ist fast immer ja, weil in den meisten Reiseblogs Modica die Hauptrolle bekommt und Ragusa nur als Durchfahrtsstation erwähnt wird. Das ist genau andersherum, als es sein sollte. Beide Städte gehören zusammen zum UNESCO-Welterbe des Val di Noto, beide wurden nach dem verheerenden Erdbeben von 1693 im selben spätbarocken Stil wiederaufgebaut, und beide verdienen einen echten Besuch, nicht nur einen Fotostopp. Hier ist, was ich jedem rate, der beide an einem Tag – oder besser an zwei – sehen will.
Ragusa Ibla und Ragusa Superiore: zwei Städte, die sich nur zufällig einen Namen teilen
Das größte Missverständnis zuerst: Ragusa ist keine einzelne Altstadt, sondern zwei komplett unterschiedliche Stadtteile, die erst 1927 offiziell zusammengelegt wurden. Nach dem Erdbeben von 1693, das Ibla fast vollständig zerstörte, stritt sich die Bevölkerung darüber, wo neu gebaut werden sollte: Die adlige Fraktion (loyal zum heiligen Georg) wollte auf den alten Ruinen unten im Tal weiterbauen, die aufstrebende Bürgerschicht (loyal zu Johannes dem Täufer) wollte lieber oben auf dem Hügel neu anfangen. Keine Seite gab nach – am Ende entstanden zwei Städte nebeneinander, getrennt durch die Schlucht Valle dei Ponti.
Ragusa Superiore oben ist die “moderne” Stadt mit rechtwinkligem Straßenraster, Verwaltungsgebäuden und dem Bahnhof – für Besucher meist nur Durchgangsstation. Ragusa Ibla unten ist das eigentliche Ziel: ein Labyrinth aus engen Gassen, barocken Palästen und der Kathedrale San Giorgio auf der Piazza Duomo, deren dreistufige Fassade Rosario Gagliardi zwischen 1738 und 1775 erbaute. Zu Fuß verbindet die Salita Commendatore beide Teile – eine Treppe mit über 240 Stufen an der Kirche Santa Maria delle Scale vorbei, rund 30 Minuten je nach Tempo. Wer das vermeiden will: Ein kleiner Shuttlebus (Linea 3/33) pendelt zwischen Ragusa Superiore und Ibla für rund 1,20 Euro.
Praktischer Tipp: Parkt (falls ihr einen Mietwagen habt) nicht in Ibla selbst – die Gassen sind zu eng, und Parkplätze sind rar. Besser oben in Ragusa Superiore parken und zu Fuß oder mit dem Shuttle runter.
Modica: zwei Duomi, ein Name, viel Verwirrung
Der zweite Punkt, an dem fast jeder stolpert: Auch Modica hat einen Duomo di San Giorgio – und der wird ständig mit dem in Ragusa Ibla verwechselt, obwohl es zwei völlig unterschiedliche Gebäude sind. Beide sind dem heiligen Georg geweiht, beide haben normannische Wurzeln aus dem 12. Jahrhundert, beide wurden nach 1693 im selben Baustil wiederaufgebaut – daher die Verwechslung. Modicas Duomo entstand nach einem Architekturwettbewerb von 1760, gewonnen von Francesco Paolo Labisi, wobei später auch Rosario Gagliardi – derselbe Architekt wie in Ragusa – an der Umsetzung beteiligt war. Das Ergebnis: eine noch imposantere Fassade mit 250 Stufen davor, die von der Corso Umberto I aus wie eine Bühnenkulisse wirkt.
Foto: Gildo Cancelli, via Pexels
Modica selbst liegt, anders als Ragusa, nicht in zwei getrennten Teilen, sondern zieht sich als eine zusammenhängende Stadt durch ein enges Flusstal – die beiden Hauptstraßen Corso Umberto I (unten) und die Gassen der Altstadt (oben, Richtung Pizzo) folgen dem ehemaligen Flusslauf, der nach verheerenden Überschwemmungen im 20. Jahrhundert überbaut wurde.
Die Schokolade, die keine “normale” Schokolade ist
Jetzt zum Teil, wegen dem die meisten überhaupt herkommen: Cioccolato di Modica, seit 2018 als IGP (geschützte geografische Angabe) anerkannt. Was die wenigsten wissen: Technisch ist das fast keine “richtige” Schokolade im modernen Sinn. Die Methode stammt von den Azteken und kam im 16. Jahrhundert über die spanische Herrschaft nach Sizilien – während der Rest Europas zur industriellen Conchier-Methode mit Erhitzen und Kakaobutter-Zusatz überging, blieb Modica bei der alten Kalttechnik. Die Kakaomasse wird bei maximal 40 Grad verarbeitet, der Zucker schmilzt nicht vollständig – daher die körnige, fast krümelige Textur, bei der man einzelne Zuckerkristalle noch spürt. Keine Kakaobutter, keine Milch, keine Emulgatoren.
Zum Testen: In der Antica Dolceria Bonajuto am Corso Umberto I, gegründet 1880 und Siziliens älteste noch produzierende Schokoladenmanufaktur, gibt es neben der klassischen Vanille-Variante auch alte Rezepte mit Chili, Zimt oder Salz – Aromen der aztekischen Originalrezeptur, nicht europäischer Schokolade. Am besten bricht man ein Stück ab und lässt es auf der Zunge zergehen statt es zu kauen: erst schmeckt man das Kakao, dann die Zuckerkristalle, zum Schluss das Gewürz. Mehr sizilianische Rezepte zum Nachkochen gibt’s in unserer Rezepte-Sammlung.
Wie ihr ohne Auto hinkommt
Der Zug ist hier keine Option von Catania aus – die Bahnverbindung Catania–Ragusa dauert je nach Umstieg 3,5 bis 5 Stunden, weil die Strecke einen großen Umweg über Syrakus oder Gela macht. Fahrt stattdessen mit dem Bus: AST und Interbus/Etna Trasporti verbinden Catania (Stadt und Flughafen Fontanarossa) direkt mit Ragusa, Fahrzeit rund 1 Stunde 50 bis 2 Stunden 20 Minuten je nach Linie, ab etwa 9–11 Euro einfache Fahrt. Mehrere Verbindungen fahren über Modica, sodass ihr dort theoretisch schon zwischenhalten könnt.
Zwischen Ragusa und Modica selbst ist der Regionalzug überraschend praktisch: Nur 20–23 Minuten Fahrzeit, mehrmals täglich, ab etwa 3 Euro pro Strecke – oft die entspanntere Wahl gegenüber dem Bus (Linie AST 663, ebenfalls rund 30 Minuten, mehrmals täglich außer samstags). Innerhalb beider Städte kommt ihr zu Fuß überall hin; ein Auto braucht ihr nur, wenn ihr weiter zu den Stränden bei Marina di Ragusa oder nach Scicli wollt.
Ein Tag reicht – aber nur, wenn ihr priorisiert
Realistisch braucht Ragusa Ibla allein 2 bis 3 Stunden für Duomo, Giardino Ibleo und einen Bummel durch die Gassen, Modica noch einmal 2 bis 3 Stunden für Duomo, Corso Umberto und Schokoladenverkostung. Mit Anreise aus Catania und der Fahrt zwischen beiden Städten füllt das locker einen ganzen Tag – für ein entspannteres Tempo mit Mittagessen empfehle ich eher zwei Tage mit Übernachtung in Ragusa Ibla, dann seht ihr die Stadt auch abends, wenn die Tagesausflügler weg sind und die Fassaden angestrahlt werden. Wer sowieso in der Gegend ist: Beide Städte lassen sich gut mit einem Ausflug in die Region Siracusa kombinieren, etwa eine Autostunde entfernt.
Was die Reise kostet, hängt stark von Unterkunft und Tempo ab – einen groben Rahmen für ganz Sizilien findet ihr in unserem Reisekosten-Guide. Mein Rat zum Schluss: Wenn ihr euch zwischen Ragusa Ibla und Modica entscheiden müsstet (was ihr nicht solltet), nehmt Ragusa Ibla – die Architektur ist dichter, die Aussicht vom Belvedere besser, und die Schokolade könnt ihr euch notfalls auch online oder in einem sizilianischen Feinkostladen woanders besorgen. Den Duomo di San Giorgio in Ibla mit Sonnenuntergangslicht auf der Treppe bekommt ihr nur vor Ort.