Die Nebrodi: Siziliens schönste unbekannte Bergregion

Fast jeder Sizilien-Besucher bewegt sich zwischen denselben drei Punkten: der Küste, dem Ätna, vielleicht Taormina. Was fast niemand sieht, ist das, was dazwischen liegt – und das ist schade, denn dort liegt der Parco dei Nebrodi, mit knapp 88.000 Hektar das größte Schutzgebiet Siziliens, das sich über die Provinzen Messina, Catania und Enna erstreckt. Kein Vulkan, kein Strand, keine Instagram-Schlange – nur Buchenwälder, ein Bergsee und Tierrassen, die es sonst nirgendwo gibt.
Warum kaum jemand herkommt
Die Nebrodi haben kein einzelnes “Wahrzeichen”, das sich auf ein Titelbild packen lässt – kein Ätna-Krater, kein antikes Theater. Das ist genau der Grund, warum Reiseveranstalter sie ignorieren, und genau der Grund, warum es sich lohnt: Man trifft hier fast nur Einheimische, keine Reisebusse.
Der Lago Biviere di Cesarò
Auf 1.278 Metern Höhe liegt der Lago Biviere, mit rund 18 Hektar das bedeutendste Hochgebirgsfeuchtgebiet Siziliens, eingebettet in den Buchenwald von Sollazzo Verde. Der höchste Gipfel der Nebrodi, der Monte Soro, liegt mit 1.847 Metern gleich nebenan – im Winter oft schneebedeckt, was viele Sizilien-Besucher überrascht.
Tiere, die es nur hier gibt
Die Nebrodi sind Heimat von zwei sizilianischen Nutztierrassen, die anderswo praktisch verschwunden sind: dem Sanfratellano-Pferd, benannt nach dem Ort San Fratello, halbwild in den Bergen lebend, und dem Schwarzen Schwein der Nebrodi (Nero dei Nebrodi), einer uralten Rasse mit Wurzeln, die bis in die griechisch-karthagische Zeit zurückreichen sollen. Beide Tiere sieht man hier häufiger als Touristen. Dazu kommen Wildkatzen, Stachelschweine, Füchse und, wer Glück hat, Greifvögel, die über den Buchenwäldern kreisen.
Foto: Salvo Cannizzaro, via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Kleine Randnotiz, weil sie Reisende oft verwirrt: Die extrem seltene Sizilianische Tanne (Abies nebrodensis), die ihren Namen von den Nebrodi trägt, wächst trotzdem nicht hier, sondern nur in den benachbarten Madonie-Bergen – mit nur rund 30 erwachsenen Bäumen einer der seltensten Nadelbäume der Welt.
San Fratello: das Dorf, in dem man kein Sizilianisch versteht
Auch wer fließend Sizilianisch spricht, versteht in San Fratello kein Wort – hier wird ein galloitalischer Dialekt gesprochen, der auf piemontesische, ligurische und lombardische Siedler zurückgeht, die Graf Roger nach der normannischen Eroberung im 11./12. Jahrhundert aus Nordwestitalien hierher holte. Wegen der isolierten Lage in den Bergen hat sich diese “sizilianische Sprachinsel” bis heute erhalten, zusammen mit ein paar weiteren Nebrodi-Dörfern wie Novara di Sicilia. Das Dorf gibt außerdem dem Sanfratellano-Pferd seinen Namen.
Floresta: das höchste Dorf Siziliens
Auf 1.275 Metern liegt Floresta, die höchstgelegene Gemeinde der ganzen Insel – im Winter fällt hier tatsächlich Schnee, was viele Sizilien-Klischees auf den Kopf stellt. Bekannt ist der Ort vor allem für die Provola di Floresta, eine birnenförmige, gereifte Provola-Käsesorte – anders als die meisten sizilianischen Provola-Käse, die frisch gegessen werden, reift diese Sorte in feuchten Höhlen und entwickelt einen kräftigeren Geschmack.
Essen in den Bergen
Die Nebrodi-Küche ist Hirtenküche, ganz anders als die sizilianischen Rezepte der Küste: neben Provola dei Nebrodi (g.U.) und Produkten vom Schwarzen Schwein (Salami, Schinken, Wurst) sind die Wälder im Herbst voller Steinpilze – Pilzsammeln ist hier eine echte lokale Tradition, keine Touristenattraktion. Wer im September oder Oktober unterwegs ist, findet in den Bergdörfern oft handgeschriebene Speisekarten mit “Funghi porcini” als Tagesgericht.
Mistretta – die Stadt am Rand des Parks
Mistretta, ein Hügelstädtchen am Nordrand des Parks, ist einer der besten Ausgangspunkte, um einen Eindruck von der Region zu bekommen, ohne sich tief in unbefestigte Bergstraßen zu wagen.
Anreise: was wirklich funktioniert
Von Catania aus erreicht man Cesarò, eines der Haupttore zum Park, in etwa 65 km bzw. gut einer Stunde Autofahrt. Es gibt sogar eine direkte Busverbindung (Isea Autolinee, Montag bis Samstag, etwa dreimal täglich, Fahrzeit rund 1 Stunde 40 Minuten) von der Bushaltestelle in Cesarò bis zur Station “Ospedale” in Catania. Ehrlich gesagt: Der Bus bringt dich bis ins Tor des Parks – für die Erkundung der Seen, des Monte Soro und der Wanderwege dahinter braucht man aber wirklich ein Auto oder eine geführte Tour, öffentlicher Nahverkehr endet dort. Festes Schuhwerk und eine Jacke gehören für diese Region unbedingt auf die Packliste.
Beste Reisezeit
Frühling (Wildblumen) und früher Herbst (Laubfärbung der Buchenwälder) sind die schönsten Zeiten. Im Hochsommer ist es hier spürbar kühler als an der Küste – ein guter Grund, an einem heißen Augusttag herzukommen, wenn Catania unerträglich wird.